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THEMA: Der Junge mit der

Schnecke und der Spinne

oder:

Kinder sind in manchen Dingen

weiser als Erwachsene

 

 

Obwohl Kinder sich in ihren frühen Jahren noch nicht so richtig in die Lage anderer Lebewesen hineinfühlen können, erkenne sie manche Begebenheiten schon instinktiv. Bisher am meisten beeindruckt hat mich dabei vor einiger Zeit ein sehr kleiner blonder lieber Bub von ca. 3 Jahren. Ich traf ihn mit seiner Mutter auf einer Tankstelle. Der kleine Bub lies es sich nicht nehmen und wollte die Bezahlung für seiner Mutter per Bankomat selbst durchführen, wofür die Mutter ihn natürlich hochheben mußte, da der kleine Mann viel zu klein war um auf die Theke zu greifen. Dabei bemerkte ich, daß auf dem winzigen Handgelenk des Kleinen eine Schnecke klebte und der Junge deshalb seine Hand nur sehr behutsam bewegte, damit der Schnecke ja nichts passiert. Als der Kassier sich wunderte, sagte die Mutter: „Das macht er immer so. Er rettet alle Tiere, denen er begegnet. So hat er auch diese Schnecke gerettet, sonst wäre sie zertreten worden.“. Ich war darüber schon einigermaßen erstaunt, aber völlig paff war ich erst, als der Winzling dann mit seiner Mutter gemeinsam zum Auto zurückging und ich beobachtete, wie er plötzlich stoppte und sich zwischen den Zapfsäulen auf den Boden kniete.

 

Er hatte eine kleine Weberknecht-Spinne beinahe zertreten und nun streckte er der kleinen Spinne eine seiner winzigen Handflächen entgegen, damit die Spinne sich daran festhalten konnte. Als die Spinne seinen Arm hochkrabbelte (auf dem anderen Arm saß bereits eine Schnecke), ging er zu einem nahegelegenen Blumentrog und lies die Spinne wieder weiterlaufen. Damit hatte er auch die Spinne vorm Zertretenwerden gerettet. Auch die Mutter schien amüsiert, sie machte dies alles aber mit ihrem lieben Sohn mit und wartete geduldig, bis er die Spinne wieder abgesetzt hatte. Und erst kürzlich habe ich auch noch einmal zufällig einen kleinen Jungen von ca. 5 Jahren sagen hören, als es gerade erfuhr daß die Hühner eines Bauernhofes irgendwann geschlachtet werden sollten: „Das finde ich nicht richtig. Sie sind doch auch Lebewesen wie wir!“

 

Als ich dies hörte, erinnerte ich mich auch an viele ähnliche Ansichten und Äußerungen welche Kinder so tätigen und wo sie es dabei mit einer erstaunlichen Klarheit schaffen, in kürzesten Sätzen eine Wahrheit instinktiv zu erfassen und auszudrücken. Ich kann mich an viele Kinder erinnern, die sich in jungen Jahren die Nasen zuhielten wenn ihre Eltern neben ihnen rauchten und dabei entschieden sagten: „Das stinkt!“ - ehe sie dann Jahre später als Jugendliche, scheinbar ihrer damaligen Erkenntnis wieder völlig bar geworden, selbst zu rauchen begannen. Auf die Frage warum das so sei und warum sie dies nun tun obwohl es ihnen damals noch so sehr stank, lautet dann meist die Antwort: „Weil man`s halt so macht und weil jeder das so tut!“

 

Genauso verhält es sich mit vielen weiteren Dingen in unserem Leben. Anfangs erkennen wir noch instinktiv was gut und schlecht für uns ist, ehe wir von unserem näheren Umfeld und all den erwachsenen Vorbildern die uns umgeben und welche wir ständig beobachten, lernen, was wir für richtig und falsch zu halten haben. In vielen Belangen werden die Kinder viel nützliches von den Erwachsenen dabei lernen - allerdings übernehmen sie dabei auch viele ihrer Fehler und geraten so selbst in ein typisches „Erwachsenenleben“, mit all den Problemen, Abhängigkeiten, Leidenschaften und den vielen Dingen, „die halt so sind wie sie sind, weil man es schon immer so gemacht hat und alle anderen dies auch so tun“.

 

Im Fernsehen sehen wir in dutzenden Shows, wie man richtig auszusehen, zu kochen, zu sprechen, zu tanzen und zu singen hat, um akzeptiert zu werden und als „gut“ zu gelten. Und in all den Magazinen lesen wir über das Leben von Personen, die sich tausende Kilometer weit von uns entfernt irgendwo aufhalten und deren einzige Beschäftigung darin besteht, sich selbst so gut wie möglich zu vermarkten, indem sie uns ein Leben in Saus und Braus, zumindest aber allerlei Popanz und Luxus vorgaukeln. Auch das übernehmen wir und denken uns:“Aha, so muß das also sein, dann geht es uns richtig gut und wir sind glücklich! Es muß richtig sein, denn so wird es uns im TV gezeigt!“

 

Und nicht zuletzt gaukelt uns die Werbung in unseren Medien vor, was man haben muß um „IN“ zu sein. Fette Autos, Handys mit hunderten Extras und dazu noch Geld in solchen Massen um sich jederzeit allerlei unnützen Kram „leisten“ zu können, gelten dabei als besonders erstrebenswert. Bei einem genauen Blick kann man aber hinter diese scheinbar überall vorhandene Fassade schauen und gegebenenfalls einen „kurzen Blick über das Himmelsgewölb“ (Platon, Phaidros) erhaschen, um in so einem Moment zu unserem Erschrecken deutlich diese eigentlich erbärmliche Abhängigkeit von uns Menschen von all diesen vergänglichen, trügerischen und eigentlich nutzlosen Dingen ohne wirklichen Wert für uns selbst und für andere erkennen, ja meistens schaden uns diese Dinge sogar auch noch erheblich. Und dabei erkennen wir auch, daß wir ständig ohne zu hinterfragen immer nur alte Traditionen weiter übernehmen, obwohl wir sie längst nicht mehr nötig hätten und sie ihren damaligen Sinn (falls sie damals überhaupt einen hatten) schon längst verloren haben. Und wenn dann jemand es sogar öffentlich wagen sollte, alte Bräuche in Frage zu stellen, eventuell auch nur ein wenig anders denkt, aussieht, ißt, spricht, tanzt oder singt als die große Masse es gewohnt ist, dann halten ihn deswegen alle gleich für einen „komischen Sonderling“ oder gar für verrückt oder um es mit Sokrates’ Worten zu sagen:

 

Wenn er dann die Bahn menschlicher Bestrebungen verläßt

und zum Göttlichen sich hält,

so wird er von den Leuten gescholten,

als wäre er verrückt;

Denn daß er gottbegeistert ist,

merken die Leute nicht.

                                                  Platon (Phaidros)

 

Und so geraten auch viele Dinge, die wir als Kinder noch wußten, nach unserer Adoleszenz leider wieder in Vergessenheit ....   

 

R.P. (Jän.2010)